Warum sich Likes so gut anfühlen. Eine medienpsychologische Perspektive auf die Online-Welt

Dr. Astrid Carolus (JMU Würzburg)

4.2.2019, 18:30-20:00, Haus der Universität

Abstract

Der typische Anblick dieser Tage: Kopf gesenkt zum Smartphone und die Finger tippen und wischen rasant über den Bildschirm. Digitale Medien sind aus unserer Welt kaum noch wegzudenken. Insbesondere auf Kinder und Jugendliche scheinen sie eine besondere Faszination auszuüben.
Aus psychologischer Perspektive gilt für alle Formen der Mediennutzung, dass sie grundlegende menschliche Bedürfnisse stillen. Sie bieten uns Orientierung, können unsere Stimmung beeinflussen, unterhalten, Langeweile vertreiben oder sind einfach ein liebgewonnenes Ritual. Darüber hinaus dienten Medien auf unterschiedliche Weise schon immer der Selbstinszenierung: Zu wissen, was in der Welt los ist, bestimmte Bücher gelesen zu haben und den neusten Song von wem auch immer zu kennen… Wir nutzen Medien zur Selbstdarstellung – schon lange vor den Zeiten des Internets und weit über die offensichtlichen Darstellungsformen im Rahmen von Social Media Profilen hinaus.
Selbstinszenierung ist für uns von zentraler Bedeutung. Verständlich, wenn man bedenkt, dass wir soziale Wesen sind, die in Gruppen leben. Entsprechend wichtig sind die Sicht und die „Likes“ der anderen. Soziale Medien bieten eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich selbst zu inszenieren. Das Internet wird so zu einem weiteren Schauplatz der Inszenierung des eigenen Ichs. Warum das Internet dabei insbesondere für Jugendliche so gut funktioniert und warum es vielleicht auch einfach so sein muss, dass Erwachsene ein wenig ratlos den Kopf schütteln, versucht der Vortrag zu beleuchten.

Zusammenfassung

Was machen Medien mit uns – und was machen wir mit Medien? Zu dieser Frage findet Astrid Carolus einen Zugang aus medienpsychologischer Perspektive. Der Konsum von Medieninhalten auf Smartphones ist ein leidliches Thema zwischen Kindern und Eltern. Über Nutzungsdauer und -häufigkeit wird heiß diskutiert. Beide Generationen sind aber überzeugt, ihr Konsumverhalten im Griff zu haben. Vorurteile gegen neue Medien – sie machten dumm, aggressiv, gewalttätig – sind weit verbreitet und ähneln damaligen Vorwürfen an das aufkommende Privatfernsehen. Das Beispiel der vermeintlichen Todesfalle Selfiezeigt: Die Aufregung ist groß, das Problem eher klein. Carolus fragt deshalb mit einem Augenzwinkern, wie die Menschheit das Smartphone überleben kann. Sie pointiert: Was machen Medien mit uns – und was machen wir mit Medien? Im Hinblick auf Kognition, Emotion und Verhalten der Nutzer betrachtet Carolus den Umgang nicht nur mit dem Internet. Bereits am Beispiel der abendlichen Nachrichtensendung wird deutlich, dass vermeintlich rationales Verhalten stark durch Emotionen beeinflusst wird. Unterhaltung, Ritual und parasoziale Beziehungen – Jan Hofer ist ein vertrauter Gast im Wohnzimmer – spielen ebenso eine Rolle. Warum also Medien? Welche Rolle spielen Selbstkonzepte? Welchen Stellenwert hat Medienkompetenz? Anhand dieser Fragen leitet Astrid Carolus durch ihren Vortrag.

Zu Angela Merkels Neuland-Aussage, die ihr insbesondere auf Twitter viel Häme eingebracht hat, nimmt Carolus eine erhellende Perspektive ein. In der Geschichte menschlicher Kommunikation sind etablierte Plattformen des Internets eben doch nur einen Wimpernschlag alt, selbst Rundfunk, Fernsehen und sogar der Buchdruck erscheinen nicht mehr als uralte Kulturtechniken. Seit der Entwicklung der Sprache vor 100.000 Jahren hat sich der Mensch an unmittelbare face-to-face-Kommunikation angepasst. Mimik, Gestik, Körperhaltung dienen zur Informationsweitergabe, sind leicht erlernbar und machen selbst komplexe Ausdrücke wie ein Lächeln schnell verständlich. Im Neuland digitaler Medien funktioniert dieses Kernelement menschlicher Kommunikation nicht. Das Aufkommen der hate speech hängt auch damit zusammen, dass Gesprächspartner unsichtbar bleiben. Andere Verhaltensmuster dagegen gedeihen im Internet ausgezeichnet. Ganz ähnlich dem Verlangen nach fettig-süßen Speisen, evolutionär eigentlich sinnvoll, aber überholt, befriedigt der Mensch grundständige Bedürfnisse – auch online. Bei der Regulation von Emotionen, etwa bei einem packenden Thriller oder Rockmusik aus dem Radiowecker, bleibt es nicht. Was ich über mich weiß und wie ich mich fühle, welchen Selbstwert ich mir beimesse; auf diese kognitiven und emotionalen Aspekte ihres Selbstkonzepts nehmen Nutzer auch mithilfe neuer Medien Einfluss. 

So sind Kinder mit etwa drei bis fünf Jahren in der Lage, sich selbst als Person wahrzunehmen. Die Herausbildung eines Selbstkonzepts, einer Identität, beginnt in der Schulzeit, in der das Umfeld als Orientierung dient. In dieser Zeit der Selbstfindung und des Abwägens alternativer Werte und Ziele spielt die Online-Identität eine wichtige Rolle, ohne dabei von der Welt abseits des Bildschirms gelöst zu sein. Freundeskreise bilden sich in sozialen Netzwerken ab – allerdings ist Zuspruch dort quantifizierbar, was die Bedürfnisbefriedigung erleichtert. Diese Art der Selbstinszenierung ist jedoch keineswegs neu: Die Buchtitel, die im Regal präsentiert werden, aber auch das auf der Kleidung prangende Logo erfüllen offline den selben Zweck. Unter Jugendlichen beliebte Plattformen wie Whatsapp, Snapchat und Instagram dienen aber nicht ausschließlich zur Selbstinszenierung. Carolus macht deutlich, dass der Kontakt mit den peers den Nutzern ebenso wichtig ist. Mit einem Exkurs in die Selbstbestimmungstheorie stellt sie dar, dass der Mensch Grundbedürfnisse – soziale Eingebundenheit, Kompetenz und Autonomie – auf diesen Plattformen zu befriedigen sucht. Jugendliche informieren sich auf Youtube, beweisen Selbständigkeit in elternfreien Zonen, können sich im Familienchat aber stets des Rückhalts versichern. 97% der 12-19-jährigen besitzen ein Smartphone und begegnen so ihren Bedürfnissen. 

Allerdings merkt Carolus an, dass die Allverfügbarkeit des Internets auch Risiken birgt. Das Schlagwort Triple A – anonymity, affordability, accessibility – verdeutlicht, dass auch bedenkliche Inhalte nur fünf Klicks entfernt sind. Ein deutlicher Unterschied zu bisherigen Medien vom Buchdruck zum Privatfernsehen, denen anfänglich ebenfalls Ängste gegenüberstanden. Der Konsum digitaler Medien auf dem ubiquitären Smartphone kann der Kontrolle deutlich einfacher entzogen werden. Carolus betont deshalb die Rolle der Medienkompetenz, die sowohl in der Bedienung, aber auch in der Auswahl der Inhalte und dem Abwägen von Risiken eine Schlüsselkompetenz darstellt. Eltern und Lehrer sollten daher das Gespräch mit Kindern und Jugendlichen nicht abreißen lassen, Smartphones als Zugang der Wahl sollten nicht verteufelt, sondern verstanden werden, um neue Medien nicht auszublenden, sondern darauf vorzubereiten. Allen Nutzern erfüllen sie eben auch ganz alte Verwendungszwecke: Stimmungsregulierung, Eindrucksbildung, Selbstinszenierung und Identitätsfindung. 

Zur Person

Dr. Astrid Carolus studierte Psychologie und BWL an der Universität des Saarlandes und promovierte 2012 am Institut Mensch-Computer-Medien der Julius-Maximilians-Universität Würzburg mit Auszeichnung. 2016 wurde sie zur Akademischen Rätin ernannt. In Forschung und Lehre liegt ihr Fokus auf digitalen Medien. Aus psychologischer Sicht fragt sie nach Motiven und Gratifikationen sowie nach Effekten ihrer Nutzung. Sie leitet die Projekte „Digitalkompetenz (in) Schulen – DIKOM“ sowie „Die Normalisierung intelligenter Sprachsysteme“. Astrid Carolus ist zudem freiberuflich als Trainerin, Beraterin und als Coach tätig.

Details:

Datum: 4.2.2019
Uhrzeit: 18:30-20:00

Veranstaltungsort:

Haus der Universität
Schadowplatz 14
40212 Düsseldorf

Organisation:

Prof. Dr. Simone Dietz (Düsseldorf)
Amrei Bahr, B.A. (Düsseldorf)