Persönlichkeitsrechte und Digitalisierung: Doch! Wir haben etwas zu verbergen!

Prof. Dr. Isabel Zorn (TH Köln)

21.1.2019, 18:30-20:00, Haus der Universität

Abstract

Wie gehen Menschen mit Menschen um, wenn sie digital agieren? Wie gehen algorithmische Maschinen mit Menschen um, wenn diese technologievermittelt kommuniziert oder gehandelt haben? Welche ethischen und rechtlichen Grundlagen sollten Gestaltende dieser Technologien berücksichtigen, wenn sie Personen und ihre Kommunikation modellieren, und was kann jede*r selbst entscheiden und gestalten, um Privatsphäre zu wahren, öffentlich aufzutreten, Bilder zu teilen und Menschen zu respektieren? Der Vortrag fokussiert soziotechnische Auswirkungen digitaler Kommunikation und beleuchtet ihre Relevanz für Bildung, Chancengleichheit und Teilhabe aus pädagogischen und informatischen Perspektiven.

Zusammenfassung

Mit der Frage „Warum geben so viele Menschen ihre Daten preis?“ leitete Isabel Zorn in Ihren Vortrag ein. Die Professorin des Instituts für Medienforschung und Medienpädagogik an der Technischen Hochschule Köln beobachtet eine Veränderung im zwischenmenschlichen Verhalten durch Medien. Digitale, algorithmische Maschinen registrieren und verarbeiten Daten und entwickeln daraus Aktionen, mit denen Menschen neue Wirklichkeit konstituieren. Hiervon lassen sie sich freiwillig lenken. Dies hat eine Veränderung der Gesellschaft, Politik, Kultur und Chancengleichheit zur Folge. Die Wissenschaftlerin sieht uns hiermit vor eine Herausforderung gestellt, die eine besser informatik- und gesellschaftsbezogene Medienbildung erfordert.

Im Folgenden illustrierte sie dies insbesondere an Beispielen sozialer Netzwerke wie WhatsApp. Die App besitzt eine hohe Verbreitung. Zorn vermutet hier, dass sie nicht heruntergeladen wird, weil man sie tatsächlich haben möchte, sondern aufgrund des sozialen Drucks. Hierbei informieren sich nur wenige Nutzer*innen darüber, worauf die App eigentlich Zugriff hat. So wird das gesamte Adressbuch auf amerikanische Server übertragen – ohne Einverständnis der Kontakte. Alternativ lassen sich hier Dienste verwenden, die unsere Daten besser schützen wie z.B. Threema, Signal oder SimsMe.

Auch Facebook ermittelt, sogar bei geringer Nutzung, ein präzises Datenbild der Nutzer*innen. So werden u.a. Informationen zu Profil, Suchverlauf, Dauer der Sitzungen, Standortverlauf und somit Wohnort und Arbeitsplatz gesammelt.

Obwohl diese Dienste einzigartige Datenbilder ermitteln, die sich genau zuordnen lassen, sind weiterhin viele Nutzer*innen der Meinung sie hätten nichts zu verbergen. Jedoch zeigt ein Blick in die analoge Welt, dass wir unser Privatleben, Antipathien, Probleme, usw. sehr wohl schützen. Immerhin hängen wir Gardinen auf, versenden Briefe in Umschlägen, etc.

Studien zeigen jedoch, dass wir unser Verhalten in der digitalen Welt anpassen. Wir erlernen ein virtuelles Identitätsmanagement, entwickeln eine Selbstgouvernementalität im Umgang mit Medien, und verändern unser Verhalten beispielsweise in Bezug auf die Arbeit und das Lernen. Die zukünftige Entwicklung unserer Freiheit in der digitalen Welt betreffend werden wir hier allerdings nicht nur vor die Herausforderung gestellt, unsere persönlichen Geheimnisse zu wahren, vielmehr geht es um den Erhalt „offener freier Räume zum Experimentieren mit Lebensstilen und Ideen“ (Evgeny Morozov 2015). Eine durch gesammelte Daten generierte Wirklichkeit birgt das Risiko rationaler Diskriminierung – so wäre es u.a. denkbar, dass Krankenkassen durch die Analyse der Daten von Fitnessarmbändern o.ä. Beiträge anpassen oder wir bspw. nicht mehr dazu in der Lage wären Anne Frank zu verstecken.

Der Kultur- und Sozialwissenschaftler Janosik Herder ist überzeugt, dass auch transparente und ethische Algorithmen keine Einschränkung der Machtausübung algorithmischer Modelle gewährleisten können. Algorithmen sind Systeme, die den Nutzer*innen dienlich sind und sie zugleich regieren. Foucault charakterisiert Regierung als den unablässigen Versuch, das Handeln von freien Subjekten zu beeinflussen und zu lenken, ohne dabei die Freiheit von Subjekten aufzuheben. Im Hinblick auf Algorithmen ist jedoch fraglich, ob unsere Freiheit tatsächlich unangetastet bleibt. Sie können zum einen nützlich sein, uns aber auch kaum merklich lenken, indem sie bspw. eine Filter Bubble, eine auf unsere Interessen angepasste Wirklichkeit, generieren.

Um dieser zunehmenden algorithmengesteuerten, unbewussteren Meinungsbildung zu entgehen bedarf es einer technikreflektierenden Medienkompetenzen. Zorn schlägt hier die strukturale Medien-Bildung von Jörissen und Marotzki vor, deren Aufgabenbereiche in der Artikulation, der Teilhabe, im Orientierungswissen und dem Umgang mit der Kontingenz einer sich stetig wandelnden Gesellschaft unter Bedingungen von softwarebasierter Medialität von Handlungen liegen. Als wesentlich für eine umfassende Medienbildung schlägt Zorn gesellschaftsbezogene Medienkompetenz-Vermittlung für pädagogische Fach- und Führungskräfte vor. Außerdem sollen Medienbildungsprozesse in Bildungsangeboten mit Berücksichtigung neuer Bildungs- und Artikulationsräume ermöglicht werden. Zudem sollte sich um eine machttheoretische Reflexion von Medienangeboten, Softwarestrukturen und Datenspeicherungen bemüht werden.

Inwiefern sich diese Medienbildung umsetzten lässt bleibt offen. Organisationen wie Digitalcourage, die sich für eine digitale Selbstverteidigung einsetzen, kommen dem Ziel einer technikreflektierenden Medienkompetenz jedoch bereits ein Stück näher.

Zur Person

Prof. Dr. Isabel Zorn ist Mitglied des Instituts für Medienforschung und Medienpädagogik der TH Köln. Neben der Lehre in den Bereichen Medienpädagogik und Digitale Medien in der Sozialen Arbeit forscht sie unter anderem zu Medienbildung und Inklusion, E-Learning und Partizipation. 2010 wurde sie an der Universität Bremen promoviert, 2011 folgte der Ruf auf die Professur Medienwissenschaft/Medienpädagogik an der TH Köln. Unter ihrer Mitherausgeberschaft erschien zuletzt das Handbuch Inklusive Medienbildung im Kohlhammer Verlag. Aktuell betreut sie ein Projekt zu Mensch-Maschine-Interaktionen im frühkindlichen Spracherwerb am Graduiertenkolleg NRW Digitale Gesellschaft.

Details:

Datum: 21.1.2019
Uhrzeit: 18:30-20:00

Veranstaltungsort:

Haus der Universität
Schadowplatz 14
40212 Düsseldorf

Organisation:

Prof. Dr. Simone Dietz (Düsseldorf)
Amrei Bahr, B.A. (Düsseldorf)