Neues aus der Gerüchteküche: „Fake News“ und Fact-Checking in Deutschland

Karolin Schwarz (Hoaxmap)

3.12.2018, 18:30-20:00, Haus der Universität

Abstract

Seit 2016 diskutiert man in Deutschland über den Einfluss von Desinformation auf Gesellschaft und Demokratie. Dass das Problem schon deutlich älter ist, soll im Vortrag ebenso aufgezeigt werden wie die neueren Entwicklungen in der Welt der gezielten, meist politisch motivierten Falschinformation. Ein Überblick über die Methoden der Falschmelder soll helfen, Falschmeldungen in sozialen Netzwerken künftig leichter identifizieren zu können. Im Vordergrund stehen außerdem Akteure der Desinformation, ebenso wie Fact-Checking und Maßnahmen der Politik und Plattformen. Ein Einblick in die Forschung gibt Hinweise über eine mögliche Ausgestaltung des Umgangs mit Desinformation in der Zukunft.

Zusammenfassung

In ihrem Vortrag thematisierte Karolin Schwarz die Hintergründe und den gesellschaftlichen Einfluss der Desinformation im digitalen Raum. Zu Beginn wies sie deutlich darauf hin, dass Falschmeldungen bei Weitem kein neues Phänomen sind. So seien sie schon von Beginn an Teil des Internets gewesen. Während des Vortrages wurde jedoch auch deutlich, dass der Kontext des Internets eine besondere Herausforderung darstellt.

Im ersten Teil des Vortrages beschäftigte sich Frau Schwarz mit dem Wer, Warum, Wo und Wie von Falschmeldungen. Wer: Frau Schwarz führte drei Gruppen als Urheber von Falschmeldungen an – politische Akteure in einem weiten Sinne, sogenannte ‚Trolle‘ und Privatpersonen. Warum: Als Motive wurden das Erlangen von Aufmerksamkeit, die Schädigung gegenteiliger Positionen und unliebsamer Personen und ökonomischer Gewinn angeführt. Mit der Unterscheidung zwischen Urheberschaft und Verbreitung von Falschmeldungen lässt sich außerdem verdeutlichen, dass an der Verbreitung von Falschinformationen häufig unbeabsichtigt mitgewirkt wird – ein Hinweis auf die Verantwortung, die allen Nutzern digitaler Medien bezüglich der Weiterleitung ungeprüfter Informationen zukommt. Wo: Als Plattformen der Verbreitung von Falschmeldungen nannte Frau Schwarz vor allem Facebook, Twitter, YouTube, aber auch verschiedene Messenger, über welche sogenannte ‚Kettenbriefe‘ verschickt werden. Wie: Da selbst im Internet selten etwas ohne Belege geglaubt wird, bedienen sich die Urheber von Falschmeldungen teils raffinierter manipulativer Methoden. An erster Stelle stünden aus dem Kontext gerissene Daten wie Fotos, Videos, Zitate und Statistiken, welche im neuen Kontext eine ganz andere Bedeutung erlangen. Daneben gäbe es manipulierte und erfundene Daten, z.B. falsche Zitate oder vermeintliche Augenzeugenberichte. Teilweise seien solche Falschmeldungen so überzeugend oder deren Überprüfung so mangelhaft, dass sie Eingang in offizielle Medienberichte finden.

Der zweite Teil des Vortrages thematisierte Fact-Checking als eine mögliche Reaktion auf Falschmeldungen und gab einen Überblick über die Entwicklung in Deutschland. Fact-Checking bezeichnet nach Frau Schwarz nicht die Prüfung eigener Inhalte, dies sollte ohnehin Teil guter journalistischer Arbeit sein, sondern die Prüfung externer Inhalte. Dabei sollten Fakten und nicht Meinungen überprüft werden, und berücksichtigt werden, dass Meldungen oft nur teilweise falsch bzw. gefälscht sind.

Im Zuge der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ ab dem Sommer 2015 sei es zu einem rasanten Anstieg von Falschmeldungen über Geflüchtete gekommen. Dies war die Motivation für Frau Schwarz und ihre Mitstreiter zur Entwicklung der Website hoaxmap.org. Hier werden Gerüchte und Falschmeldungen in Deutschland zum Thema Asylsuchende, Geflüchtete, Migranten gesammelt und Belege zu deren Widerlegung bereitgestellt. Die meisten der dort aufgeführten Falschmeldungen betreffen Behauptungen über die Kriminalität von und staatliche Leistungen für geflüchtete Menschen.

Aus Anlass der öffentlichen Debatte über Fake News in den USA und im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 seien in Deutschland einige Websites zum Fact-Checking entstanden, die es in den USA schon länger gibt. Leider seien viele dieser Seiten schon kurz nach der Wahl wieder eingestellt worden. Die politische Debatte beschäftige sich zwar verstärkt mit dem Problem der Desinformation, fokussiere sich aber auf die Phänomene der ‚social bots‘ und des ‚micro-targeting‘. Letzteres bezeichnet eine Kommunikationsstrategie, welche Inhalte (seien es politische Programme oder Produkte) passgenau für äußerst differenzierte Zielgruppen entwickelt und so den Einzelnen sehr viel genauer adressieren kann. Eine entscheidende Maßnahme zur langfristigen Entschärfung des Problems von Falschmeldungen sei die Ausbildung von Medienkompetenz, die aber noch immer viel zu wenig Beachtung erfahre.

Beim Umgang der jeweiligen Plattformen mit Falschmeldungen habe es in der letzten Zeit positive Innovationen wie beispielsweise den sogenannten ‚Infobutton‘ von Facebook gegeben. Dieser kläre durch eine Verlinkung auf die jeweilige Wikipediaseite über den Urheber des Posts auf. YouTube wiederum hinterlege in der Videobeschreibung beispielsweise von verschwörungstheoretischen Videos korrekte Informationen und sortiere bei manchen Suchanfragen die Videos seriöser Quellen höher ein.

Sicherlich wäre ein höheres Engagement aller Akteure wünschenswert, doch das Problem wurde erkannt und die ersten Schritte in die richtige Richtung sind bereits gemacht – wovon auch das Projekt von Frau Schwarz selbst ein Zeugnis ist. Zum Schluss ihres Vortrages gab Frau Schwarz unter einem Link weitere Hilfsstellungen und Tipps zum Thema Fact-Checking an die Hand.

Zur Person

Karolin Schwarz, Gründerin von Hoaxmap

Karolin Schwarz ist freiberufliche Journalistin, Fact-Checkerin und Trainerin. Sie schreibt für den Faktenfinder (ARD), Buzzfeed News und Motherboard und hält Vorträge und Schulungen zu Desinformation und Hass im Netz. Sie ist Fellow am Institute for Strategic Dialogue. Im Februar 2016 gründete sie das Projekt Hoaxmap.org, das falsche Berichte über Geflüchtete und People of Color sammelt.

Details:

Datum: 3.12.2018
Uhrzeit: 18:30-20:00

Veranstaltungsort:

Haus der Universität
Schadowplatz 14
40212 Düsseldorf

Organisation:

Prof. Dr. Simone Dietz (Düsseldorf)
Amrei Bahr, B.A. (Düsseldorf)