Der Kampf um das digitale Hogwarts – und warum Albus Dumbledore recht hatte

Rena Tangens (Digitalcourage e.V.)

19.11.2018, 18:30-20:00, Haus der Universität

Abstract

Viele Menschen halten Datenschutz für eine technische Frage, die sich durch entsprechende Fachkenntnis lösen lässt. Doch so einfach ist es nicht. Ebenso wie Hermine, Harry und Ron nicht alle Probleme einfach durch Zauberei erledigen können, brauchen auch wir Neugier für den Blick auf größere Zusammenhänge, Mut zum Handeln und einen ethischen Kompass, um uns zurechtzufinden. Denn im Alltag müssen wir immer wieder abwägen, was uns wichtig ist – hier und jetzt und langfristig, für uns individuell und für die Zukunft unserer Gesellschaft. Am Ende könnte uns Albus Dumbledore, der weise Schulleiter der Zauberschule Hogwarts, die richtige Idee mit auf den Weg geben.

Zusammenfassung

Anfänglich skizzierte die Künstlerin und Netzaktivistin Rena Tangens in ihrem Vortrag die Entstehung und Entwicklung des von ihr mitbegründeten gemeinnützigen Vereins Digitalcourage, dem an der Einhaltung von Menschenrechten und dem Erhalt von Zivilcourage im Netz gelegen ist. Bereits in den 80er Jahren entdeckte sie das Modem und somit die digitale Welt. Gemeinsam mit dem Künstlerkollegen padeluun und dem Chaos Computer Club hackte sie bspw. die Rechner der Washington Post. Es ging ihnen jedoch nicht nur darum, diese sich neu auftuende Welt zu entdecken, sondern sie auch aktiv mitzugestalten.

In den 90ern setzte die Kommerzialisierung des Internets ein und das Thema Datenschutz befand sich bereits auf absteigendem Ast. Digitalcourage, damals noch FoeBuD, strebten eine Balance zwischen technischer Entwicklung und Gesellschaft an und wollten das Bewusstsein für den Datenschutz in der Öffentlichkeit schärfen. In diesem Zusammenhang entstanden die sogenannten BigBrotherAwards, ein „Datenschutznegativpreis“, der die Preisträger für ihre Überwachung und Missachtung von Datenschutz auszeichnet. Bereits 1983 wurde das sogenannte Volkszählungsurteil gesprochen, dieses konstituiert das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, welches den Anfang der Datenschutzgesetzgebung in Deutschland markiert. Seit 2008 kommt das Grundrecht zur Gewährleistung von Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme (IT-Grundrecht) hinzu. Dieses fordert einen Systemschutz. Die Technik selbst muss demnach die Vertraulichkeit und Integrität der Nutzerdaten gewährleisten. Doch wie wirksam sind diese Gesetze in der Praxis?

Bereits das Versprechen des Erhalts der Menschenwürde scheint in der digitalen Welt ins Wanken zu geraten. So stand bspw. der Schülerwettbewerb des deutschen Anwaltvereins 2015/16 unter dem Motto: „Die Würde des Menschen ist unantastbar – außer im Internet“. Eine Vielzahl der Einsendungen widmete sich gemäß der These dem Thema Mobbing. Doch neben solch offensivem Fehlverhalten im Netz gibt es auch Gefahren, die sich ganz unbemerkt in unser digitales Leben einschleichen. So kann es bei der Nutzung bestimmter Dienste zur Diskriminierung hinter unserem Rücken kommen. Dies machte Tangens an einer Vielzahl von Fallbeispielen anschaulich, aus denen hier eines exemplarisch vorgestellt werden soll. So verlieh Digtalcourage bspw. der Firma Payback GmbH den aller ersten BigBrotherAward. Getarnt als freiwillige Bonuskarte, aus dessen Nutzung dem Kunden preisliche Vorteile durch das Sammeln von Punkten bei Einkäufen erwachsen sollen, geht es bei der Payback-Karte vor allem um eine Ermittlung von Daten über den Lebensstil und das Kaufverhalten der Kundschaft. Als Zukunftsprognose stellte Tangens eine mögliche Preisdiskriminierung in Aussicht. So sei es möglich, dass die mit Chips versehenen Einkaufwagen die Payback-Karten einlesen und die Warenpreise durch abermaliges Scannen der Regale ggf. anpassen. Somit setze eine Preisdiskriminierung ein, indem ein individuelles Schalten von Reduzierungen in Kraft tritt um die Käufer zu verführen. 

Digitalcourage fordert nicht nur von den Nutzern, sondern auch von den Firmen einen Wandel hin zur Datensparsamkeit und dem Prinzip der Zweckbindung. So gilt es dem inflationären Preisgeben von Informationen durch die Nutzer aber auch der Sammeltätigkeit der Konzerne entgegenzuwirken. Doch wie kann ich mich als Nutzer schützen? Tanges verweist hier auf die „digitale Selbstverteidigung“ und regt im Sinne des weisen Schulleiters der Zauberschule Hogwarts, Albus Dumbledore, an:

„Es wird die Zeit kommen, da ihr euch entscheiden müsst zwischen dem, was richtig ist und dem, was bequem ist.“ – Albus Dumbledore (Harry Potter Band 4 S.756)

Zur Person

Rena Tangens ist Künstlerin, Netzpionierin und Gründerin des Digitalcourage e.V., der sich seit 1987 für eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter einsetzt. Seit 2000 ist sie Organisatorin und Jurymitglied der deutschen BigBrotherAwards. Rena Tangens prägte 2001 das Wort „Datenkrake“, das inzwischen in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist. Sie hat die Haecksen im Chaos Computer Club gegründet. 2008 erhielt sie mit Digitalcourage die Theodor-Heuss-Medaille für ihr Engagement für die Bürgerrechte, 2014 den taz-Panter-Preis für die Heldinnen des Alltags.

Details:

Datum: 19.11.2018
Uhrzeit: 18:30-20:00

Veranstaltungsort:

Haus der Universität
Schadowplatz 14
40212 Düsseldorf

Organisation:

Prof. Dr. Simone Dietz (Düsseldorf)
Amrei Bahr, B.A. (Düsseldorf)